Cornelia Koch
Wie alles anfing...
Vor ein paar Jahren kamen eine Freundin und ich auf die Idee, den Canal du Midi entlangzulaufen.
Ein bisschen Wechselwäsche, Wasserflasche, Sonnenbrille, Rucksack auf und los. Wir waren nicht besonders trainiert, waren noch nie länger als ein paar Stunden hintereinander unterwegs gewesen, und der Begriff „Weitwanderer“ war uns keiner.

120 Kilometer und sechs Tage später waren wir zurück. Und ich für alle Zeiten infiziert. Dieses Gefühl von Freiheit, dieses Glücksgefühl, dieser Stolz, zu Fuß über hundert Kilometer gelaufen zu sein! Das macht süchtig, mich jedenfalls. Ich begann, meinen Hallux-Füßen mehr pflegende Aufmerksamkeit zu schenken und in meiner Freizeit zu wandern.
Vor Jahren war ich mal vier Wochen in Neuseeland wandern gewesen, mit einer Gruppe, damals traute ich mich noch nicht, ganz allein ans andere Ende der Welt aufzubrechen.
Aber plötzlich hatte ich Lust, auch alleine zu laufen. Dass meine erste längere Strecke gleich 3348 Kilometer quer durch Europa werden würde, hätte ich mir damals nicht träumen lassen!
Eigentlich wollte ich nie nach Santiago. Ich hatte nie so richtig verstanden, was dran sein soll an dem Pilger-Hype. Warum jedes Jahr Hunderttausende durch Spanien laufen auf der Suche – ja, nach was?
Seltsamerweise begegnete er mir aber immer wieder, dieser Jakobsweg, mal durch Pilger, die mir über den Weg liefen, mal in Form von Büchern, Filmen. Bei meinen Wanderungen stieß ich immer wieder auf kurze Abschnitte des Jakobswegs; es war seltsam.

Dann erwischte mich das, was man wohl Lebenskrise nennt. Meine Schwester starb, völlig unerwartet auch eine enge Freundin. Der Mann, von dem ich dachte, er sei der Richtige, dachte das nicht. Meine Kinder waren flügge. Und dann kam auch noch Corona.
Schon eine ganze Weile hatte ich den Gedanken in meinem Kopf hin und her bewegt, nach Hause zu laufen, nach Ostwestfalen, auf den Spuren meines Lebens, um möglicherweise besser zu verstehen, wie ich die geworden war, die ich bin.
Und fast wie von selbst fügte es sich, dass ich eines Morgens beim Aufwachen dachte: Ich habe noch viel mehr Fragen, ich brauche mehr Zeit.

Warum laufe ich nicht weiter und dann eben doch diesen Jakobsweg? Vielleicht ist ja ´was dran.