Cornelia Koch
Alleine unterwegs...
So schön es ist, mit Freunden oder Familie unterwegs zu sein: Nichts gibt mir mehr das Gefühl, wirklich frei zu sein als eine Wanderung ganz allein. Diskussionen um Termine und Uhrzeiten fallen weg – und, ganz ehrlich, wie spontan sind wir heutzutage noch? Schon ein Wochenende mit Freunden muss man in der Regel Monate vorher planen. Ich allein dagegen kann mich beim morgendlichen Kaffee spontan entscheiden, an diesem Tag alles stehen- und liegenzulassen und loszulaufen.

„Hast du denn keine Angst, so allein?“, werde ich oft gefragt. Doch, habe ich. Manchmal. Wenn plötzlich mitten im Wald ein Lieferwagen steht zum Beispiel. Woher soll ich wissen, ob das einfach nur ein Liebespaar ist oder ein potentieller Entführer? Oder wenn mein Weg an einem einsamen Schrottplatz vorbeiführt, vor dem zwei rauchende Typen stehen und die merkwürdige Gestalt mit Hut und Rucksack unverhohlen mustern. Ich bin auch nicht mutig, wenn es darum geht, irgendwo in der Natur mein Zelt aufzuschlagen, denn ich habe ungeheuren Respekt vor Wildschweinen. Aber: Ich glaube, ich habe einen ganz guten Instinkt, riskante Situationen zu meiden. Vielleicht hatte ich auch bisher einfach Glück, denn wirklich gefährliche Momente habe ich beim Wandern noch nie erlebt.

Interessant ist, dass sich die Tatsache, als – nicht mehr ganz junge – Frau allein unterwegs zu sein, oft genau ins Gegenteil verkehrt: Es hat nämlich niemand Angst vor mir! Ich habe, jämmerlich frierend, ein Zimmer in einer eigentlich geschlossenen Pension bekommen, nicht der genauso abgerissen aussehende Mann, der vorher gefragt hatte. Mir wird erlaubt, im Garten mein Zelt aufzuschlagen, mich lässt man in die Küche, um meine Wasserflasche aufzufüllen.
Als Frau allein unterwegs zu sein, hat viele Vorteile. Ich erinnere mich an meine Wanderung auf dem Stevenson-Weg in Frankreich. Nicht bedacht hatte ich, wie kalt es im Oktober in den Cevennen werden würde. Ich hockte also, in meinen Schlafsack gehüllt, bibbernd vor meinem Zelt und kochte mir ein Süppchen, als die Verantwortliche des kommunalen Camingplatzes plötzlich vor mir stand. Prüfend sah sie mich an, schüttelte den Kopf und sagte: „Ich denke, ich werde Ihnen die Heizung in der Umkleidekabine aufdrehen.“ Sprach´s und zeigte auf das Vereinsheim des örtlichen Fußballvereins. So kam ich zu einer Nacht bei angenehmen 22 Grad Zimmertemperatur und einer sehr heißen Dusche ganz für mich allein.

Allein wandern heißt nicht zwangsläufig, einsam unterwegs zu sein. Früher saßen die Nomaden zusammen am Lagerfeuer, in der modernden Variante trifft man andere Wanderer abends in den Herbergen. Entweder man kocht zusammen oder lässt sich ein (Pilger-)Mahl servieren. Das Schöne ist: Da sitzen die unterschiedlichsten Menschen zusammen und kommen ins Gespräch. Beim Zelten im Wald fällt das natürlich weg, auch auf Campingplätzen ist die Kontaktaufnahme nicht ganz so selbstverständlich, aber einfacher, wenn man allein unterwegs ist. Dabei meine ich nicht billige Anmache, sondern den Fakt, dass ein/e Solo-Wander/in schon mal spontan zum Essen eingeladen wird oder zum Kaffee oder morgens ein Croissant vor dem Zelt findet. Auf meinem Weg nach Santiago fühlte ich mich manchmal wie eine herrenlose Katze, der von mitfühlenden Menschen Futter hingestellt wird.

Pilgern, das ist meine ganz persönliche Meinung, sollte man ohnehin besser allein. Vielleicht macht es zu mehreren auch glücklich, ist aber deutlich weniger effektiv, was das persönliche Vorwärtskommen angeht. Pilgern verbinde ich mit Suchen, mit Fragen und Antworten, die ich mir nicht vorgeben lassen will, auch Krisen, durch die ich gehen muss, buchstäblich. Und besser allein. Niemand wird behaupten, dass es einfach ist, es längere Zeit mit sich selbst auszuhalten. Andererseits ist Pilgern eine der wenigen Möglichkeiten, mal mit gutem Gewissen im besten Sinne egoistisch zu sein. Sich mal ein paar Wochen lang nur um sich selbst zu kümmern. Im eigenen Rhythmus, mit Rücksicht nur auf den eigenen Körper und die eigene Seele, allein mit den ganz persönlichen Fragen und Sehnsüchten. Ich behaupte, kaum etwas ist heilsamer. Erst wird der Kopf klar, dann klärt sich der Rest.
